Wer sich mit privater Geldanlage beschäftigt, stößt früher oder später auf den Begriff Zinseszins. Er beschreibt einen unscheinbaren Vorgang: Erträge werden nicht entnommen, sondern bleiben im Vermögen und erwirtschaften ihrerseits neue Erträge. Was mathematisch simpel klingt, entfaltet über lange Zeiträume eine Wirkung, die der Intuition zuwiderläuft.
Der menschliche Verstand rechnet linear. Er erwartet, dass doppelt so viele Jahre zu doppelt so viel Ergebnis führen. Beim Zinseszins ist das nicht der Fall, und genau darin liegt die häufigste Fehleinschätzung im Umgang mit langfristigen Sparzielen.
Wie der Effekt tatsächlich entsteht
Der Unterschied zum einfachen Zins
Beim einfachen Zins wird der Ertrag jedes Jahr auf denselben Ausgangsbetrag berechnet. Beim Zinseszins wächst die Berechnungsgrundlage mit. Im ersten Jahr ist der Unterschied nicht messbar, im fünften kaum spürbar, im zwanzigsten dagegen dominiert er das Ergebnis vollständig.
Anschaulich wird das an einer einfachen Beobachtung: In den letzten Jahren eines langen Sparzeitraums stammt der Zuwachs überwiegend aus den Erträgen der bereits vorhandenen Summe, nicht mehr aus den eingezahlten Raten. Die eigene Einzahlung verliert an relativer Bedeutung, während das Vermögen selbst zum Motor wird.
Diese Verschiebung lässt sich datieren. Bei einem Sparplan über dreißig Jahre liegt der Punkt, an dem der jährliche Ertrag die jährliche Einzahlung übersteigt, je nach unterstellter Rendite ungefähr im zweiten Drittel des Zeitraums. Ab diesem Moment arbeitet das Depot mehr als die Sparerin oder der Sparer.
Warum die ersten Jahre unspektakulär verlaufen
Viele Anlegerinnen und Anleger geben in dieser Phase auf. Nach drei Jahren steht dem eingezahlten Betrag ein kaum sichtbarer Zuwachs gegenüber, und der Eindruck entsteht, die Mühe lohne nicht. Tatsächlich ist diese Phase Voraussetzung für alles Weitere, weil erst die angesammelte Basis den späteren Effekt trägt.
Wer den Sparvorgang nach wenigen Jahren beendet und das Kapital entnimmt, verzichtet damit nicht auf einen kleinen Teil des Ergebnisses, sondern auf den bei Weitem größten. Der Abbruch trifft nicht die schwachen ersten Jahre, sondern die starken letzten.
Aus diesem Grund raten Verbraucherzentralen dazu, die Rate im Zweifel abzusenken statt den Sparplan auszusetzen. Eine reduzierte Einzahlung verringert das Endergebnis anteilig, eine Unterbrechung dagegen nimmt dem verbliebenen Kapital die Zeit, die sich später nicht mehr beschaffen lässt.
Zeit schlägt Rate
Aus dem Zusammenhang folgt eine praktische Konsequenz, die vielen unangenehm ist: Ein früher Beginn mit kleiner Rate führt über lange Zeiträume häufig zu einem besseren Ergebnis als ein später Beginn mit deutlich höherer Rate. Die Jahre lassen sich nicht nachkaufen, die Rate schon.
- früher Start wirkt stärker als hohe Einzahlung
- jedes verschobene Jahr fehlt am Ende doppelt
- Unterbrechungen kosten mehr als niedrigere Beträge
Für Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger folgt daraus eine beruhigende Nachricht. Es ist nicht erforderlich, mit einem hohen Betrag zu beginnen, um überhaupt einen Effekt zu erzielen. Wichtiger ist, dass der Vorgang startet und anschließend mit steigendem Einkommen behutsam angehoben wird.
Was den Effekt schwächt
Entnahmen unterbrechen die Kette
Der Zinseszins setzt voraus, dass Erträge im Vermögen verbleiben. Jede Entnahme verkleinert die Basis für alle folgenden Jahre. Bei Fonds und börsengehandelten Indexfonds erfüllt die thesaurierende Variante diese Bedingung automatisch, weil Erträge ohne Zutun wieder angelegt werden.
Bei ausschüttenden Varianten liegt die Verantwortung dagegen bei der Anlegerin oder dem Anleger. Landet die Ausschüttung auf dem Girokonto und wird dort für den Alltag verbraucht, ist die Kette unterbrochen, ohne dass ein bewusster Entschluss dazu nötig gewesen wäre.
Kosten wirken in dieselbe Richtung
Gebühren mindern nicht nur den laufenden Ertrag, sie mindern auch die Basis, auf der künftige Erträge entstehen. Über zwanzig oder dreißig Jahre summiert sich ein scheinbar geringer jährlicher Kostensatz deshalb zu einem erheblichen Betrag. Die Wirkung ist dieselbe wie beim Zinseszins, nur mit umgekehrtem Vorzeichen.
Aus demselben Grund verdienen laufende Kosten mehr Aufmerksamkeit als einmalige Gebühren. Ein einmaliger Ausgabeaufschlag belastet das Ergebnis einmal, eine dauerhafte Verwaltungsgebühr in jedem einzelnen Jahr des Anlagezeitraums.
Inflation als Gegenkraft
Der Zinseszins wirkt auf den nominalen Betrag. Was am Ende an Kaufkraft übrig bleibt, hängt zusätzlich von der Preisentwicklung ab. Eine realistische Betrachtung zieht die Inflation deshalb ab, bevor über den Erfolg einer Anlage geurteilt wird.
Der Blick auf die reale Größe verschiebt die Rangfolge der Anlageformen mitunter erheblich. Eine nominal positive Verzinsung, die unterhalb der Preissteigerung liegt, bedeutet trotz wachsendem Kontostand einen Verlust an Kaufkraft. Genau dieser Fall wird häufig übersehen.
Schulden folgen derselben Mechanik
Der Effekt kennt keine Richtung. Bei revolvierenden Kreditformen, bei denen nicht getilgte Beträge samt aufgelaufenen Zinsen weiterverzinst werden, arbeitet dieselbe Mathematik gegen die Kreditnehmerin oder den Kreditnehmer. Das ist der Grund, warum Tilgung in vielen Fällen Vorrang vor Anlage hat.
Was sich daraus für die Praxis ergibt
Regelmäßigkeit vor Höhe
Ein dauerhaft eingerichteter Sparplan mit moderater Rate erfüllt die Voraussetzungen des Zinseszinses besser als unregelmäßige Einmalzahlungen, die von der jeweiligen Kassenlage abhängen. Die Verlässlichkeit ist hier wichtiger als der Betrag.
Hinzu kommt ein psychologischer Nebeneffekt. Ein automatisch ausgeführter Auftrag entzieht die Entscheidung der monatlichen Stimmungslage. Er wird auch dann ausgeführt, wenn die Nachrichtenlage zum Abwarten einlädt, und gerade das hat sich über lange Zeiträume als vorteilhaft erwiesen.
Der Anlagehorizont bestimmt die Erwartung
Wer das Geld in drei Jahren benötigt, wird vom Zinseszins kaum profitieren, unabhängig von der gewählten Anlageform. Der Effekt braucht Jahrzehnte, nicht Quartale. Kurzfristige Ziele gehören deshalb in andere Anlageformen als die Altersvorsorge.
Erwartungen nüchtern halten
Rechenbeispiele arbeiten mit einer gleichbleibenden jährlichen Rendite. In der Wirklichkeit schwanken Märkte, und Verlustjahre gehören dazu. Der Zinseszins ist eine Beschreibung der Mechanik, keine Zusage über das Ergebnis.
- Erträge im Vermögen belassen
- Kosten dauerhaft niedrig halten
- Ziele nach Zeithorizont trennen
- Ergebnis real, nicht nominal beurteilen
Wer diese Zusammenhänge einmal durchdacht hat, trifft andere Entscheidungen. Nicht die Suche nach dem besten Einstiegszeitpunkt bestimmt das Ergebnis über Jahrzehnte, sondern die schlichte Frage, wann begonnen wurde und ob durchgehalten wurde.