Selten steht am Anfang einer Überschuldung eine einzige große Entscheidung. Häufiger sammeln sich mehrere kleinere Verpflichtungen an: ein Ratenkredit für das Auto, ein ausgeschöpfter Dispositionsrahmen, eine offene Kreditkartenabrechnung, eine Finanzierung für Möbel.
Sind die laufenden Einnahmen ausreichend, um alle Mindestraten zu bedienen und darüber hinaus einen Betrag zur zusätzlichen Tilgung aufzubringen, stellt sich eine praktische Frage: Welche Schuld wird zuerst getilgt. Zwei Verfahren haben sich dafür etabliert.
Die beiden Verfahren
Die Lawinenmethode
Bei der Lawinenmethode werden alle Verbindlichkeiten nach dem Zinssatz geordnet. Der gesamte verfügbare Zusatzbetrag fließt in die teuerste Schuld, während alle übrigen mit der Mindestrate bedient werden.
Ist die teuerste Verpflichtung getilgt, wandert der freigewordene Betrag geschlossen auf die nächstteure. Rechnerisch führt dieses Vorgehen zur geringsten Zinsbelastung und zur kürzesten Gesamtdauer.
Die Schneeballmethode
Die Schneeballmethode ordnet stattdessen nach der Höhe der Restschuld. Getilgt wird zuerst die kleinste Verbindlichkeit, unabhängig davon, wie hoch sie verzinst ist. Alle übrigen laufen mit der Mindestrate weiter.
Der Gedanke dahinter ist verhaltensorientiert. Ein vollständig abgelöster Posten ist ein sichtbarer Erfolg, und die Zahl der laufenden Verpflichtungen sinkt zügig. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass der Plan über Monate durchgehalten wird.
Der Unterschied in Zahlen
In der reinen Rechnung gewinnt die Lawinenmethode. Wie deutlich, hängt von der Streuung der Zinssätze ab. Liegen die Sätze eng beieinander, ist der Unterschied gering, bei einer teuren Kreditkartenschuld neben einem günstigen Autokredit fällt er erheblich aus.
Untersuchungen zum tatsächlichen Verhalten zeichnen ein anderes Bild. Wer nach der Schneeballmethode vorgeht, bricht den Plan seltener ab. Der mathematisch schlechtere Weg führt in der Praxis daher nicht selten zum besseren Ergebnis.
- Lawine: nach Zinssatz ordnen, geringste Gesamtkosten
- Schneeball: nach Restschuld ordnen, sichtbare Zwischenerfolge
- entscheidend ist, welcher Plan durchgehalten wird
Was vor der Wahl der Methode kommt
Der vollständige Überblick
Beide Verfahren setzen voraus, dass sämtliche Verbindlichkeiten mit Restschuld, Zinssatz, Mindestrate und Laufzeitende erfasst sind. Diese Aufstellung ist der eigentliche Anfang, und sie fällt regelmäßig umfangreicher aus als erwartet.
Zu berücksichtigen sind auch Posten, die nicht wie ein Kredit aussehen: offene Rechnungen bei Versandhändlern, Ratenzahlungen im Handel, private Darlehen und rückständige Beiträge. Ohne diese Vollständigkeit ist jede Reihenfolge willkürlich.
Die Mindestraten sichern
Vor jeder zusätzlichen Tilgung stehen die vertraglich vereinbarten Raten. Wird eine davon zugunsten einer schnelleren Tilgung an anderer Stelle ausgesetzt, entstehen Mahnkosten, Verzugszinsen und im schlechtesten Fall eine Meldung an die Auskunftei.
Der zusätzliche Betrag ist deshalb immer das, was nach allen Mindestraten und den notwendigen Lebenshaltungskosten übrig bleibt. Eine zu ehrgeizig angesetzte Rate führt regelmäßig dazu, dass der Plan bereits im zweiten Monat scheitert.
Der kleine Puffer bleibt
Es klingt widersprüchlich, ist aber entscheidend: Auch während des Schuldenabbaus sollte eine kleine Rücklage bestehen bleiben. Ohne Puffer führt die erste unerwartete Ausgabe zurück in den Dispositionskredit, und der Fortschritt ist zunichte.
Als Größenordnung genügt ein Betrag, der eine typische Reparatur oder eine Nachzahlung abdeckt. Erst nach der vollständigen Entschuldung wird die Reserve auf mehrere Monatsausgaben ausgebaut.
Umsetzung und Fallstricke
Umschuldung als Abkürzung
Bevor die Reihenfolge festgelegt wird, lohnt die Prüfung, ob sich teure Verbindlichkeiten günstiger ablösen lassen. Ein Ratenkredit zur Ablösung einer Kreditkartenschuld oder eines Dispositionsrahmens senkt die Zinsbelastung unmittelbar.
Voraussetzung ist, dass die abgelösten Rahmen anschließend gesperrt oder reduziert werden. Andernfalls entsteht binnen weniger Monate ein neues Minus neben der Kreditrate, und die Gesamtbelastung steigt.
Der freigewordene Betrag bleibt im System
Der entscheidende Mechanismus beider Methoden liegt darin, dass die Rate einer abgelösten Schuld nicht in den Konsum zurückfließt. Sie wandert vollständig auf die nächste Position. Genau daraus entsteht die Beschleunigung, die dem Schneeball seinen Namen gibt.
Wer diesen Schritt unterlässt, verlängert den Abbau erheblich. Ein Dauerauftrag auf das nächste Kreditkonto, eingerichtet am Tag der letzten Rate, verhindert das zuverlässiger als ein Vorsatz.
Wenn die Rate nicht reicht
Reichen die Einnahmen nicht aus, um alle Mindestraten zu bedienen, greift keine der beiden Methoden. In dieser Lage führt der Weg zu einer anerkannten Schuldnerberatungsstelle, deren Beratung in Deutschland kostenfrei oder gegen geringes Entgelt angeboten wird.
Frühzeitige Kontaktaufnahme erweitert die Handlungsmöglichkeiten erheblich. Solange noch keine Kündigung ausgesprochen wurde, sind Stundungen und Ratenanpassungen deutlich leichter zu erreichen als danach.
- alle Verbindlichkeiten vollständig erfassen
- Mindestraten immer zuerst bedienen
- kleinen Puffer während des Abbaus halten
- freigewordene Rate sofort weiterleiten
Den Fortschritt sichtbar machen
Beide Verfahren leben davon, dass der Abbau nachvollziehbar bleibt. Eine einfache Übersicht mit der Restschuld jeder Position, monatlich fortgeschrieben, genügt dafür vollkommen.
Wichtiger als die Form ist die Regelmäßigkeit. Wer den Stand einmal im Monat notiert, erkennt Abweichungen früh und kann nachsteuern, bevor eine Rate ausfällt.
Sondertilgungen und ihre Grenzen
Nicht jeder Vertrag erlaubt beliebige Sondertilgungen. Bei Verbraucherdarlehen ist die vorzeitige Rückzahlung zwar gesetzlich möglich, die Bank darf dafür jedoch eine begrenzte Entschädigung verlangen.
Vor einer größeren Sonderzahlung lohnt deshalb die Nachfrage, wie sich der Betrag auswirkt. In manchen Fällen ist es günstiger, die Summe auf eine andere Position zu lenken.
Neue Verpflichtungen aussetzen
Während des Abbaus sollten keine weiteren Finanzierungen eingegangen werden, auch keine zinslosen Ratenkäufe im Handel. Sie erhöhen die Zahl der Positionen und binden den Betrag, der für die Tilgung vorgesehen war.
Das gilt ebenso für neue Kreditkarten mit Teilzahlungsfunktion. Sie wirken im Alltag unauffällig und gehören dennoch zu den teuersten Formen der Verschuldung.