In der Diskussion um Geldanlage kursiert eine Vielzahl von Empfehlungen, die einander widersprechen. Über einen Punkt herrscht jedoch weitgehende Einigkeit: Wer sein Vermögen auf viele voneinander unabhängige Positionen verteilt, senkt das Risiko, ohne dafür einen entsprechenden Preis zu zahlen.
Dieser Zusammenhang ist ungewöhnlich, denn üblicherweise steht geringeres Risiko für geringere Erträge. Bei der Streuung ist das anders, und genau deshalb wird sie in der Finanzwissenschaft gelegentlich als das einzige kostenlose Mittel bezeichnet, das Anlegerinnen und Anlegern zur Verfügung steht.
Was Streuung leistet
Zwei Arten von Risiko
Zu unterscheiden ist zwischen dem Risiko einer einzelnen Anlage und dem Risiko des Marktes insgesamt. Ein Unternehmen kann in Schwierigkeiten geraten, ohne dass die gesamte Wirtschaft betroffen wäre. Dieses spezifische Risiko lässt sich durch Verteilung verringern.
Das Marktrisiko bleibt dagegen bestehen. Fällt der Markt als Ganzes, sinken auch breit gestreute Bestände. Streuung schützt vor dem Einzelfall, nicht vor der allgemeinen Entwicklung, und diese Abgrenzung wird häufig verwischt.
Warum die Wirkung schnell einsetzt
Der größte Teil des Effekts entsteht bereits bei überschaubarer Zahl von Positionen. Der Übergang von einem auf zwanzig Werte verändert das Risikoprofil erheblich, der Übergang von zweihundert auf zweitausend kaum noch.
Für ein privates Depot bedeutet das eine Entlastung. Es ist nicht erforderlich, Hunderte Einzelentscheidungen zu treffen. Ein einziger breit aufgestellter Indexfonds erfüllt die Anforderung bereits.
Der Zusammenhang der Positionen
Entscheidend ist nicht die Anzahl, sondern die Unabhängigkeit. Zehn Unternehmen derselben Branche im selben Land bewegen sich weitgehend gleichgerichtet. Die Zahl täuscht dann eine Streuung vor, die tatsächlich nicht besteht.
Aus diesem Grund wird über Regionen, Branchen und Unternehmensgrößen verteilt, nicht allein über die Menge der Titel. Der Grad der Unabhängigkeit ist die eigentliche Kennzahl.
Wo Streuung an Grenzen stößt
Krisen verschieben die Zusammenhänge
In Phasen starker Marktbewegungen bewegen sich Anlagen, die zuvor unabhängig erschienen, plötzlich in dieselbe Richtung. Der Schutz der Streuung fällt ausgerechnet dann geringer aus, wenn er am dringendsten gebraucht würde.
Dieser Befund spricht nicht gegen die Verteilung, er begrenzt lediglich die Erwartung. Streuung glättet den Verlauf über Jahre, sie verhindert keinen Rückgang in einer allgemeinen Krise.
Der Heimatmarkt-Effekt
Viele Depots in Deutschland enthalten einen unverhältnismäßig hohen Anteil deutscher Titel. Diese Neigung ist international gut dokumentiert und beruht auf Vertrautheit, nicht auf einer wirtschaftlichen Begründung.
Gemessen an der weltweiten Marktkapitalisierung ist der deutsche Anteil überschaubar. Ein Depot, das überwiegend daraus besteht, ist gegenüber einer einzelnen Volkswirtschaft und deren Branchenstruktur exponiert.
Streuung innerhalb eines Index
Auch ein breiter Index kann konzentriert sein. Wird nach Marktkapitalisierung gewichtet, entfällt ein erheblicher Anteil auf wenige sehr große Unternehmen, häufig aus demselben Wirtschaftszweig.
Ein Blick auf die zehn größten Positionen und deren Gesamtgewicht klärt diese Frage schneller als die Angabe zur Zahl der enthaltenen Titel.
- nach Regionen, Branchen und Größen verteilen
- Gewicht der größten Positionen prüfen
- Zahl der Titel ist kein Maß für Unabhängigkeit
- Heimatmarkt bewusst begrenzen
Diversifikation im privaten Depot
Über Anlageklassen hinweg
Neben der Verteilung innerhalb der Aktienquote steht die Aufteilung zwischen Anlageklassen. Der sichere Teil aus Tagesgeld oder kurzlaufenden Anleihen bestimmt, wie stark das Gesamtvermögen schwankt.
Diese Aufteilung ist die wirksamste Stellschraube überhaupt. Sie entscheidet über den Verlauf deutlich stärker als die Auswahl einzelner Fonds innerhalb einer Klasse.
Der eigene Arbeitsplatz zählt mit
Übersehen wird regelmäßig, dass das wichtigste Vermögen vieler Haushalte das künftige Erwerbseinkommen ist. Wer Anteile des eigenen Arbeitgebers hält, bündelt Einkommen und Vermögen im selben Unternehmen.
Gerät der Arbeitgeber in Schwierigkeiten, treffen beide Wirkungen gleichzeitig ein. Mitarbeiterbeteiligungen sind deshalb sorgfältig zu begrenzen, so attraktiv die Konditionen im Einzelfall auch sein mögen.
Die Immobilie im Gesamtbild
Für viele Haushalte ist das selbst genutzte Wohneigentum der größte Vermögensposten und zugleich die am wenigsten gestreute Position: ein einziges Objekt an einem einzigen Ort, häufig fremdfinanziert.
Das spricht nicht gegen Wohneigentum, wohl aber dafür, den übrigen Teil des Vermögens umso breiter aufzustellen. Eine zusätzliche Immobilienanlage verstärkt eine bereits vorhandene Konzentration.
Nicht zu viel des Guten
Wer zahlreiche Fonds parallel hält, erreicht selten mehr Streuung, sondern Überschneidungen. Dieselben Unternehmen tauchen in mehreren Produkten auf, während Kosten und Verwaltungsaufwand steigen.
Zwei bis drei sorgfältig ausgewählte Bausteine genügen den meisten privaten Depots vollständig. Übersichtlichkeit ist dabei kein Selbstzweck, sondern die Voraussetzung dafür, den eigenen Bestand überhaupt beurteilen zu können.
Streuung über die Zeit
Neben der Verteilung über Positionen steht die Verteilung über den Einstiegszeitpunkt. Wer regelmäßig in gleichen Abständen anlegt, erwirbt Anteile zu unterschiedlichen Kursen und umgeht die Frage nach dem richtigen Moment.
Ein rechnerischer Vorteil gegenüber einer sofortigen Anlage ergibt sich daraus nicht zwangsläufig. Der Nutzen liegt darin, dass die Entscheidung nicht von der jeweiligen Stimmungslage abhängt.
Währungen als eigene Größe
Wer weltweit anlegt, hält damit auch Fremdwährungen. Deren Bewegungen gegenüber dem Euro beeinflussen das Ergebnis, unabhängig von der Entwicklung der Unternehmen selbst.
Über lange Zeiträume gleichen sich Währungseffekte tendenziell aus, sodass eine Absicherung bei Aktienanlagen meist nicht empfohlen wird. Bei Anleihen mit geringerer erwarteter Rendite fällt die Beurteilung anders aus.
Das Wiederherstellen der Aufteilung
Entwickeln sich die Bausteine unterschiedlich, verschiebt sich die ursprünglich gewählte Aufteilung. Nach mehreren guten Aktienjahren ist der schwankungsanfällige Teil größer als vorgesehen.
Ein gelegentliches Zurückführen auf die Zielquote stellt das gewünschte Risikoprofil wieder her. Einmal jährlich oder bei größeren Abweichungen genügt dafür in aller Regel.
Was Streuung nicht ersetzt
Keine Verteilung ersetzt eine ausreichende Reserve für unvorhergesehene Ausgaben und einen Anlagehorizont, der Rückschläge aushält. Wer in einer schwachen Marktphase verkaufen muss, hat von der Streuung wenig.
In dieser Reihenfolge liegt der eigentliche Kern: zuerst der Puffer, dann der Zeithorizont, dann die Verteilung. Wird die Reihenfolge vertauscht, wirkt auch das am besten gestreute Depot nicht wie vorgesehen.