Inflation und Kaufkraft: Was mit Erspartem über die Jahre passiert

Inflation wirkt langsam und deshalb unauffällig, verändert aber den Wert von Erspartem über die Jahre grundlegend. Wer nur auf den Kontostand schaut, übersieht den entscheidenden Teil der Rechnung.

Gelbes gerissenes Papier, das den Text 'Guter Preis' enthüllt, perfekt für Verkaufs- und Marketingthemen.

Ein Blick auf den Kontoauszug erzeugt ein einfaches Gefühl von Sicherheit. Die Summe ist da, sie ist unverändert, sie kann nicht fallen. Genau in dieser Wahrnehmung liegt der blinde Fleck, um den es bei der Inflation geht.

Denn der Betrag bleibt zwar gleich, seine Kaufkraft nicht. Was mit einer bestimmten Summe vor zehn Jahren zu erwerben war, unterscheidet sich erheblich von dem, was heute dafür zu haben ist. Der Verlust findet statt, er erscheint nur auf keinem Auszug.

Wie Inflation gemessen wird

Der Warenkorb als Grundlage

Die amtliche Preisstatistik beruht auf einem Warenkorb, der die typischen Ausgaben privater Haushalte abbildet. Wohnen, Nahrungsmittel, Verkehr, Energie, Freizeit und Dienstleistungen gehen mit unterschiedlichem Gewicht ein.

Die Gewichtung richtet sich nach Erhebungen zum tatsächlichen Konsumverhalten und wird in Abständen angepasst. Die Inflationsrate beschreibt anschließend die Veränderung dieses Korbs gegenüber dem Vorjahresmonat.

Warum die persönliche Rate abweicht

Der Warenkorb bildet einen Durchschnitt ab, den kein Haushalt genau lebt. Wer zur Miete in einer Großstadt wohnt und täglich pendelt, erlebt eine andere Preisentwicklung als ein Haushalt mit Wohneigentum auf dem Land.

Für die eigene Planung ist deshalb weniger die veröffentlichte Zahl maßgeblich als die Entwicklung der eigenen großen Ausgabenblöcke. Wohnkosten und Energie dominieren in den meisten Haushalten das Ergebnis.

Kerninflation und Gesamtrate

Neben der Gesamtrate wird häufig eine Kernrate ausgewiesen, die Energie und unverarbeitete Nahrungsmittel ausklammert. Diese beiden Bereiche schwanken stark und verdecken die zugrunde liegende Entwicklung.

Für Haushalte ist die Gesamtrate die relevante Größe, weil sie die tatsächliche Belastung beschreibt. Die Kernrate dient der Einschätzung, wie beständig eine Preisbewegung ist.

Was mit Erspartem geschieht

Nominal und real

Der nominale Betrag ist die Zahl auf dem Konto. Der reale Wert ergibt sich, wenn die Preisentwicklung abgezogen wird. Nur die zweite Größe sagt etwas darüber aus, was mit dem Geld erreicht werden kann.

Eine Verzinsung unterhalb der Inflationsrate bedeutet trotz wachsendem Kontostand einen Verlust an Kaufkraft. Dieser Zustand wird als negativer Realzins bezeichnet und ist historisch keineswegs die Ausnahme.

Der Effekt über lange Zeiträume

Über ein Jahr betrachtet fallen wenige Prozentpunkte kaum ins Gewicht. Über zwanzig oder dreißig Jahre wirkt jedoch dieselbe Mechanik wie beim Zinseszins, nur mit umgekehrtem Vorzeichen: Der Verlust wirkt auf einen fortlaufend verringerten Realwert.

Genau deshalb ist die Inflation für die Altersvorsorge bedeutsamer als für kurzfristige Rücklagen. Ein Betrag, der heute für ein Jahr Lebenshaltung reicht, deckt in dreißig Jahren einen deutlich kürzeren Zeitraum ab.

Was das für den Notgroschen bedeutet

Die Rücklage für unvorhergesehene Ausgaben bleibt trotzdem auf einem verfügbaren Konto richtig aufgehoben. Ihr Zweck ist die sofortige Verfügbarkeit, nicht der Werterhalt. Der Kaufkraftverlust ist hier der Preis für die Sicherheit.

Sinnvoll ist allerdings, die Höhe der Reserve gelegentlich anzupassen. Steigen die eigenen monatlichen Ausgaben, deckt derselbe Betrag einen kürzeren Zeitraum ab als beim Aufbau vorgesehen.

Wie Haushalte darauf reagieren

Sachwerte und Beteiligungen

Als Gegengewicht werden üblicherweise Sachwerte genannt, also Beteiligungen an Unternehmen, Immobilien oder Rohstoffe. Ihr Wert ist nicht auf einen festen Geldbetrag lautend und kann sich mit dem Preisniveau bewegen.

Ein Automatismus ist das nicht. Auch Sachwerte schwanken, und ein Schutz vor Kaufkraftverlust ergibt sich erst über längere Zeiträume. Kurzfristig können Aktienkurse in Phasen hoher Inflation ebenso fallen.

Anleihen und Zinsanlagen

Festverzinsliche Anlagen leiden besonders, weil sowohl der Kupon als auch die Rückzahlung auf einen festen Geldbetrag lauten. Steigt die Inflation nach dem Abschluss, sinkt der reale Ertrag entsprechend.

Inflationsindexierte Staatsanleihen sollen dieses Problem lösen, indem Kupon und Rückzahlung an die Preisentwicklung gekoppelt werden. Sie sind für private Anlegerinnen und Anleger in Deutschland allerdings weniger verbreitet.

Die Einkommensseite nicht vergessen

Übersehen wird häufig, dass Inflation nicht nur das Ersparte betrifft, sondern auch das laufende Einkommen. Steigen die Preise stärker als das Gehalt, sinkt der reale Verdienst, unabhängig von jeder Anlageentscheidung.

Tarifliche Anpassungen und Verhandlungen über das Gehalt gehören deshalb zur Auseinandersetzung mit dem Thema, auch wenn sie selten unter dem Stichwort Geldanlage geführt werden.

Verträge mit langer Bindung

Bei langfristigen Verträgen lohnt der Blick darauf, ob Beträge fest oder dynamisch vereinbart sind. Eine gleichbleibende Auszahlung in dreißig Jahren ist real erheblich weniger wert als heute.

Das betrifft private Rentenversicherungen ebenso wie Berufsunfähigkeitsabsicherungen. Eine vereinbarte Anpassung erhöht die Beiträge, erhält aber den Wert der zugesagten Leistung.

  • Ergebnisse real, nicht nominal beurteilen
  • persönliche Ausgabenblöcke im Blick behalten
  • Notgroschen bleibt verfügbar, wird aber angepasst
  • feste Leistungszusagen auf Dynamik prüfen

Der Blick auf die eigene Historie

Wer wissen möchte, wie stark die eigene Belastung gestiegen ist, vergleicht die Kontoauszüge desselben Monats über mehrere Jahre. Diese Gegenüberstellung ist aussagekräftiger als jede veröffentlichte Durchschnittszahl.

Auffällig sind dabei meist nicht die kleinen Alltagsausgaben, sondern Versicherungsbeiträge, Energieabschläge und Mieten. Sie werden selten geprüft und verändern sich in größeren Schritten.

Preissteigerung und Sparziele

Sparziele mit fernem Termin sollten in heutiger Kaufkraft und in erwarteten Beträgen gedacht werden. Wer für eine Anschaffung in zehn Jahren zurücklegt, plant sonst mit einer Summe, die dann nicht mehr ausreicht.

Als grobe Orientierung genügt ein Aufschlag auf den heutigen Preis. Genauigkeit ist hier weniger wichtig als das Bewusstsein, dass der benötigte Betrag steigen wird.

Die Rolle der Geldpolitik

Die Europäische Zentralbank verfolgt für den Euroraum ein mittelfristiges Preisstabilitätsziel und steuert unter anderem über die Leitzinsen. Diese Entscheidungen wirken auf Spar- und Kreditzinsen, allerdings mit zeitlicher Verzögerung.

Für private Haushalte ist die Ableitung begrenzt. Eine Zinsentscheidung schlägt nicht unmittelbar auf das eigene Tagesgeld durch, und die Weitergabe fällt zwischen den Instituten unterschiedlich aus.

Nüchtern bleiben

In Phasen erhöhter Inflation häufen sich Angebote, die Schutz vor Kaufkraftverlust versprechen. Skepsis ist angebracht, wenn eine Anlage zugleich hohe Erträge und vollständige Sicherheit in Aussicht stellt.

Der nüchterne Weg besteht aus breiter Streuung, niedrigen Kosten und einem Zeithorizont, der Schwankungen zulässt. Er ist unspektakulär und hat sich über lange Zeiträume als tragfähig erwiesen.

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Mark