Kaum ein Begriff taucht in der Diskussion um private Geldanlage so häufig auf wie der ETF. Das Kürzel steht für Exchange Traded Fund, also für einen Investmentfonds, dessen Anteile über die Börse gehandelt werden. In Deutschland hat sich das Produkt binnen weniger Jahre vom Nischenangebot zum Standard entwickelt.
Mit der Verbreitung ist allerdings nicht automatisch Wissen gewachsen. Viele Anlegerinnen und Anleger kaufen Anteile, ohne den Aufbau des Produkts zu kennen. Das ist insofern heikel, als sich hinter derselben Abkürzung sehr unterschiedliche Konstruktionen verbergen können.
Was ein ETF im Kern ist
Ein Fonds, der einen Index nachbildet
Ein klassischer Investmentfonds sammelt Geld vieler Anlegerinnen und Anleger und lässt es von einem Fondsmanagement anlegen. Ein ETF folgt demselben Grundprinzip, verzichtet aber auf die aktive Auswahl. Stattdessen bildet er einen vorher festgelegten Index möglichst genau nach.
Ein Index ist nichts anderes als eine nach festen Regeln zusammengestellte Liste von Wertpapieren. Er bildet etwa den deutschen Aktienmarkt ab, die Unternehmen der Industrieländer oder einen bestimmten Wirtschaftszweig. Der ETF kauft die enthaltenen Titel in der entsprechenden Gewichtung.
Weil die Auswahl regelbasiert erfolgt, entfällt der Aufwand für ein Analyseteam. Genau daraus erklärt sich der wesentliche Kostenunterschied gegenüber aktiv verwalteten Fonds, der bei langen Anlagezeiträumen erheblich ins Gewicht fällt.
Das Sondervermögen als Schutzmechanismus
Das im Fonds enthaltene Vermögen ist rechtlich vom Vermögen der Fondsgesellschaft getrennt. Es handelt sich um sogenanntes Sondervermögen. Gerät die Gesellschaft in wirtschaftliche Schwierigkeiten, fällt der Fonds nicht in die Insolvenzmasse.
Dieser Punkt wird häufig mit einer Sicherheitsgarantie verwechselt. Geschützt ist das Vermögen vor einer Insolvenz des Anbieters, nicht vor Kursverlusten der enthaltenen Wertpapiere. Das Marktrisiko trägt in vollem Umfang die Anlegerin oder der Anleger.
Physisch oder synthetisch
Bei der physischen Nachbildung kauft der Fonds die im Index enthaltenen Wertpapiere tatsächlich, entweder vollständig oder in einer repräsentativen Auswahl. Bei der synthetischen Variante wird die Indexentwicklung über ein Tauschgeschäft mit einem Vertragspartner abgebildet.
- physisch vollständig: alle Indexwerte im Bestand
- physisch optimiert: repräsentative Auswahl
- synthetisch: Abbildung über Tauschgeschäft
Die synthetische Bauweise gilt heute als reguliert und abgesichert, führt aber eine zusätzliche Vertragsbeziehung ein. Bei sehr breiten Standardindizes ist die physische Nachbildung inzwischen die Regel, während synthetische Konstruktionen vor allem dort vorkommen, wo Märkte schwer direkt zugänglich sind.
Wo die Kosten entstehen
Die laufenden Gebühren
Die wichtigste Kennzahl ist die Gesamtkostenquote, üblicherweise als TER ausgewiesen. Sie umfasst die laufenden Verwaltungskosten und wird dem Fondsvermögen entnommen, nicht gesondert in Rechnung gestellt. Der Kurs ist damit bereits um diese Kosten bereinigt.
Über lange Zeiträume wirkt dieser Satz stärker, als die Zahl vermuten lässt. Gebühren mindern nicht nur den Ertrag eines Jahres, sondern auch die Basis, auf der in den Folgejahren Erträge entstehen. Ein Unterschied von wenigen Zehnteln summiert sich über Jahrzehnte spürbar.
Was die TER nicht enthält
Nicht in der Gesamtkostenquote enthalten sind Handelskosten innerhalb des Fonds sowie die Differenz zwischen An- und Verkaufskurs an der Börse, die sogenannte Geld-Brief-Spanne. Bei breit gehandelten Produkten fällt sie gering aus, bei kleinen oder exotischen Fonds deutlich stärker.
Hinzu kommen die Kosten des eigenen Depots. Ordergebühren, Depotführungsentgelte und Aufschläge des Handelsplatzes gehören zur Gesamtrechnung, werden aber von der Bank erhoben und nicht vom Fonds. Bei kleinen Sparraten können sie prozentual erheblich ins Gewicht fallen.
Die Abweichung zum Index
Kein ETF folgt seinem Index vollkommen exakt. Die Differenz wird als Nachbildungsabweichung bezeichnet und ergibt sich aus Kosten, Steuern und der Handhabung von Ausschüttungen. Ein Blick auf diese Kennzahl über mehrere Jahre sagt oft mehr aus als die TER allein.
Aufschlussreich ist dabei weniger die absolute Höhe als die Beständigkeit. Ein Fonds, der seinen Index über Jahre hinweg mit gleichbleibend geringem Abstand nachzeichnet, arbeitet sauberer als einer, dessen Abweichung von Jahr zu Jahr stark schwankt.
Streuung und ihre Grenzen
Was breite Streuung leistet
Der wesentliche Vorteil eines Indexfonds liegt in der Verteilung auf viele Einzelwerte. Das Risiko, dass ein einzelnes Unternehmen in Schwierigkeiten gerät, verliert dadurch an Bedeutung für das Gesamtergebnis. Diese Wirkung ist nachweisbar und kostet nichts außer der Entscheidung für ein breites Produkt.
Nicht beseitigen lässt sich dagegen das allgemeine Marktrisiko. Fällt der gesamte Markt, fällt auch ein breit gestreuter Fonds. Streuung verringert die Abhängigkeit von einzelnen Titeln, sie ersetzt keinen Anlagehorizont, der Rückschläge aussitzen kann.
Die stille Konzentration im Index
Viele bekannte Indizes gewichten nach Marktkapitalisierung. Große Unternehmen erhalten dadurch ein erheblich höheres Gewicht als kleine. In der Praxis kann ein Fonds mit mehreren hundert Titeln deshalb zu einem beträchtlichen Anteil von wenigen Konzernen und einer einzigen Branche abhängen.
Wer das vermeiden möchte, kann auf gleichgewichtete Varianten ausweichen oder mehrere Regionen kombinieren. Beides ist mit zusätzlichem Aufwand und teils höheren Kosten verbunden, sodass sich die Frage stellt, welches Maß an Feinsteuerung dem eigenen Vorhaben tatsächlich nützt.
- Zusammensetzung der größten Positionen prüfen
- Gewicht einzelner Länder und Branchen beachten
- Zahl der Titel sagt wenig über die tatsächliche Streuung
Der Vergleich vor dem Kauf
Zwei Fonds auf denselben Index unterscheiden sich in Kosten, Nachbildungsart, Fondsgröße und Ertragsverwendung. Wer diese vier Punkte nebeneinanderlegt, trifft eine begründete Entscheidung. Der Name des Anbieters allein liefert dafür keine ausreichende Grundlage.
Ein Blick auf das Fondsvolumen lohnt zusätzlich. Sehr kleine Fonds werden häufiger geschlossen oder mit anderen verschmolzen, was für die Anlegerin oder den Anleger einen ungeplanten Verkauf mit steuerlicher Wirkung bedeuten kann.
Ein ETF ist damit weder ein Selbstläufer noch ein Sparbuch mit besserer Verzinsung. Er ist ein Werkzeug, dessen Eignung sich aus dem eigenen Zeithorizont, der Kostenstruktur und der Bereitschaft ergibt, zwischenzeitliche Kursrückgänge auszuhalten.